Zurück in die Zukunft des Handwerks

Erfahrene HandwerkerInnen unterrichten neue und alte Handwerkstechniken in den Gemeinschaftswerkstätten des Wien-Handwerkszentrums in einer mehrsprachigen Umgebung. Lehrlinge, Studierende und TechnikerInnen lernen hier durch interaktiven und intergenerationellen Austausch, von dem alle profitieren.

Zum Anlass des 30-jährigen Jubiläums des Wien-Handwerkszentrums (HZ) der Stadt Wien fand im April 2050 ein Interview mit der Leiterin des Wien-HZ statt. Das Zentrum arbeitet eng mit Wien-Wissen, Wien-Vital, Wien-Miteinander und Wiener Tätigkeitsmarkt zusammen.

Das Wien-HZ hat sich in den letzten 30 Jahren als ein Bindeglied zwischen technischer Universität und dem Handwerk-Gewerbe bewährt. Könnten Sie für unsere LeserInnen die Hauptaufgabe Ihres Zentrums beschreiben?

Wir bieten Lehrlingen, StudentInnen und TechnikerInnen die Möglichkeit, neue und alte Handwerkstechniken von und mit erfahrenen älteren Menschen in Gemeinschaftswerkstätten in einer mehrsprachigen Umgebung zu erlernen und so von deren Erfahrung zu profitieren. Die Werkstätten sind auch von KünstlerInnen gut besucht, die handwerkliche Fähigkeiten lernen und lehren.

Wie funktioniert das in der Praxis?

Unsere Kernbotschaft lautet Lernen durch Austausch. Lernen findet durch interaktiven persönlichen Austausch zwischen und innerhalb der Generationen und durch die individuelle Gestaltung der Lernvorgänge statt. Während die Lehrlinge, SchülerInnen und Studierenden die Wissensschätze der älteren Handwerkspezialisten nutzen, wird für die ältere Generation über Weiterbildungskurse und den Austausch mit Jüngeren der Umgang mit neuer Technik erleichtert. Gerade bei der ständigen Bewertung und Verbesserung unseres Angebots arbeiten wir eng mit dem Programm „Lernen durch Begegnung“ von Wien-Wissen zusammen, da sich viele unserer Ziele überschneiden.

Sie nennen Ihr Konzept „Fortschritt durch Rückschritt“. Was war der Anlass zur Gründung des Zentrums?

Angefangen hat alles mit den Kammerwahlen 2020 in Wien. Dort wurde ein neues Programm für die Wiederbelebung von traditioneller Handwerkskultur vorgestellt. Der damalige Rektor der TU war sofort von der Idee begeistert und initiierte Gespräche zur Errichtung eines Handwerkzentrums an der TU. Auch die reichen Erfahrungen mit Programmen für Studierendenmobilität konnten genutzt werden, um frühere Gepflogenheiten, wie etwa Lehrlinge „auf die Walz“ zu schicken, in neuer Form wieder zu beleben. Durch diese gut koordinierte Wanderzeit sammeln die Lehrlinge wertvolle Erfahrungen und Wissen. Rückschritt ist hier nicht wortwörtlich zu verstehen. Wir wollen weder den Status quo zementieren noch „zurück zur guten, alten Zeit.“ Aber das Rad muss auch nicht immer wieder neu erfunden werden. Es gibt viele gute Lösungen, die leider manchmal in Vergessenheit geraten.

Welche gesellschaftlichen Vorteile sind mit dem Lernen aus der Vergangenheit verbunden und wie waren die Erwartungen?

Die Wiederbelebung des auf die „Walz Gehens“ ist ein gutes Beispiel: Durch Praxissemester bei erfahrenen HandwerkerInnen im In- und Ausland kann man verschiedene Kulturen und Sprachen kennenlernen und wertvolle persönliche und fachliche Erfahrungen sammeln. Interessierte Menschen haben so die Möglichkeit, ihre handwerkliche Begabung zu vertiefen und neue Interessen für Kunst und Handwerk zu entdecken. Dadurch wird auch ihr Interesse an Kultur und allgemeiner Bildung gefördert. Die Jungen erkennen heute die Vorteile, die eine solche Ausbildung bietet, um ihre Karrierechancen zu erweitern.

Von Anfang an war dieses Angebot aber auch bei älteren Menschen sehr beliebt. Viele hatten in ihrer Jugend nicht die Chance, so etwas zu machen und holen das jetzt nach oder sie gehen während der Pension ein zweites Mal auf die Walz. Sehr beliebt ist auch die Möglichkeit der virtuellen Walz und der Kontakt über elektronische Medien. Viele ältere Menschen bleiben so auch nach dem Berufsaustritt durch den Lehr- und Lernprozess fest sozial integriert. Neben der Wahrung des immensen Wissensschatzes traditioneller Techniken und der Förderung von Toleranz zwischen den Generationen wird heute auch das Handwerk selbst viel mehr wertgeschätzt.

Abgesehen davon, dass eine Walz zeitintensiv ist, müssen die interessierten Personen sich diese Praxissemester auch leisten können. Greift die Stadt den Lehrlingen finanziell unter die Arme?

Die Stadt unterstützt finanziell bei Reisekosten. Außerdem helfen Arbeiter- und Wirtschaftskammer beim Aufbau von Kontakten und bei der Koordination der Reisen. 2020 musste dieses Netzwerk natürlich erst aufgebaut werden, aber heute können Interessierte auf eine riesige Datenbank zugreifen und bekommen Hilfe in persönlichen Beratungsgesprächen.

Wenn Sie heute, nach 30 Jahren, Bilanz ziehen, was ist das Ergebnis?

Wien ist heute Vorbild für viele andere Städte und Regionen, die sehen, wie unsere Initiative die traditionelle Handwerkkultur belebt und die lokale Produktion angekurbelt wird. Lange Transportwege werden dadurch eingespart, Reparaturkultur wiederbelebt und dadurch Ressourcen geschont. Außerdem sehen wir, dass durch verschiedene Aktivitäten des Kompetenzzentrums für Lebensqualität in Wien Menschen in jedem Alter viel zufriedener und vitaler sind als noch vor 30 Jahren.