Gemeinsam mehr bewegen

Wien profitiert 2050 vom Austausch zwischen den Generationen. Neue Begegnungsräume und gemeinsame sportliche Aktivitäten bringen Menschen näher zusammen. Burn-Out und Stress gehören größtenteils der Vergangenheit an. Alle profitieren vom neu geschaffenen Gemeinschaftsgefühl, wobei auch auf Rückzugsmöglichkeiten und den Schutz der Privatsphäre viel Wert gelegt wird.

Wien-Miteinander, die Freiwilligen-Organisation für generationsübergreifende Kommunikation in Wien im Gespräch mit Leben2050.

Um das Jahr 2020 sank in vielen Städten Europas die Lebensqualität und es kam zu Spannungen zwischen den Generationen. Wie konnte Wien diese negative Entwicklung abwenden?

In Wien haben wir relativ früh bemerkt, dass stressbedingte Erkrankungen zunehmen. Es war uns bereits damals klar, dass Stress und Burn-Out zusätzlich zu anderen Krankheiten zur Überlastung des Gesundheitssystems beigetragen haben. Soziale Isolation war oft entweder die Ursache oder die Folge psychischer Belastungen. Hier wollten wir ansetzen. Wir haben deshalb damals den Aktionsplan „Generationen gemeinsam in Bewegung“ ins Leben gerufen. Uns wurde schnell klar, dass wir mehr Raum und Zeit für gemeinsame Freizeit und vor allem für Bewegung brauchten, um die Menschen zusammen zu bringen. Wir haben viel Potential darin gesehen, die Zeit und den geeigneten Raum zu schaffen, um den Austausch der Erfahrungen zwischen den Generationen zu fördern und mehr Freiraum für die gemeinsame Bewegung zuschaffen. Durch diese Doppelstrategie konnten wir die körperliche und soziale Entwicklung der Menschen unterstützen, die soziale Integration in Wien stärken und vielen stressbedingten Krankheiten vorbeugen.

Wien definierte sich 2020 als die erste Stadt weltweit, die sich besonders der Kommunikation zwischen den Generationen verschrieben hat. Welche Veränderungen waren für die Umsetzung notwendig?

Es lag uns damals sehr viel daran, mehr generationenübergreifende Netzwerke zu schaffen. Um dieses Ziel zu erreichen, waren strukturelle Änderungen in allen Bezirken notwendig. So entstanden unter anderem neue Wohnformen. Heute sehen wir, dass Menschen im neu gestalteten Wohnumfeld viel intensiver miteinander in Kontakt sind. Beispielsweise gehen Lehrlinge ganz selbstverständlich mit ihren älteren NachbarInnen gemeinsam zum Markt In der Gemeinschaftsküche wird gemeinsam das Essen vorbereitet. Freunde kommen zu Besuch, um gemeinsam zu turnen, zu tanzen und einfach in Bewegung zu bleiben. Und wenn jemand mal eine Grippe hat oder die Wohnung für längere Zeit nicht verlassen kann, wird er oder sie zumindest virtuell einbezogen und kann so geistig in Bewegung bleiben.

Können Sie noch ein paar Beispiele nennen, wie diese neuen Begegnungsräume konkret funktionieren und wo sie entstanden sind?

Freiräume zur gemeinsamen Nutzung und gut organisierte Gemeinschaftsküchen sind heute wie erwähnt in vielen Häusern vorhanden. Viele Hinterhöfe, Dächer und Sportplätze wurden geöffnet und nutzbar gemacht und ein erneuertes Konzept der HausbesorgerInnen eingeführt. In fast allen Häusern gibt es heute digitale schwarze Bretter, die aktuelle Angebote für Nachbarschaftshilfe anbieten.

Die Stadt förderte schon vor Jahrzehnten öffentliche Begegnungsräume, die wirklich alle BürgerInnen einladen, einander kennenzulernen und voneinander zu lernen. Es gibt zum Beispiel schon sehr lange die freiwillige Hausaufgabenbetreuung durch SeniorInnen. Was ist daran neu?

Solche Angebote sind heute soweit, wie möglich auch mit Bewegung verbunden, um sowohl SchülerInnen als auch SeniorInnen genügend Aktivitäten anzubieten. Das kann gemeinsames Spazierengehen, Tanz, Ballsport oder vieles anderes sein. Gezielte Stärkung des Gesundheitssports im Alltag und vor allem in Gemeinschaft hat Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammen gebracht.

Beschränkt sich diese neue Art der Begegnung auf den Austausch zwischen den Generationen?

Nein, die Begegnung findet auch auf kultureller Ebene statt. Eine permanente Weltausstellung der in Wien lebenden Ethnien stellt Essen, Kultur und Sportarten vor und fördert so bis heute Austausch, Wertschätzung und gemeinsames Erleben.

Zwischen den Jahren 2004 und 2025 entstand auf einem alten Flugfeld der heutige Stadtteil Aspern. Wien schaffte hier eine Modellregion, die damals mit dem Motto: „Lebensfreude durch Begegnung und Bewegung“ Leuchtturmcharakter für Ihren Aktionsplan hatte. War die Seestadt Aspern ein Modellprojekt?

Ja, auf jeden Fall. In der Seestadt Aspern konnten wir vieles ausprobieren und umsetzen. Die Begegnungszonen im Erdgeschoß boten Raum für Bildung, Kultur und auch Bewegung. Universitäten, Fachhochschulen, Akademien, Schulen, Kindergärten und zivilgesellschaftliche Vereine arbeiteten von Anfang an zusammen und nutzen heute eine gemeinsame Infrastruktur. Barrierefreiheit ermöglichte die Inklusion von Menschen aus verschiedenen Altersgruppen mit verschiedenen Möglichkeiten, Einschränkungen oder Behinderungen.

Ziel war es, durch bewusstes Miteinander und Entschleunigung einen Ausgleich zum Arbeitsalltag zu erreichen. Stressbedingten Krankheitsbildern wurde so durch Gesundheitssport im Wohn- und Arbeitsumfeld vorsorgend begegnet. Aber auch Rehabilitation nach Unfällen wurde für alle Menschen gefördert. Das Modell konnte sich schnell durchsetzen, weil mit Hilfe des Wiener Tätigkeitsmarkts viele neue und attraktive Tätigkeiten im Medizin-, Sport-, Technik- und Unterrichtsbereich geschaffen wurden.

Der Wiener Tätigkeitsmarkt scheint, ein wichtiger Akteur für den organisatorischen Erfolg des Programms „Generationen gemeinsam in Bewegung“ zu sein. Würden Sie bitte sein Konzept kurz erklären?

Die Stadt regte durch die Gründung des Wiener Tätigkeitsmarkts im Kompetenzzentrum für Lebensqualität grundlegende Veränderungen an. Der Arbeitsmarkt wurde zu einem umfassenderen „Wiener Tätigkeitsmarkt“ ausgebaut. Das hat zu einem starken Engagement von Freiwilligen und Ehrenamtlichen vor allem im Bereich Bildung und Kommunikation geführt. Durch die soziale Anerkennung der Tätigkeiten wurden neue Unternehmenskulturen entwickelt. Unternehmen haben z.B. den Mehrwert generationenübergreifender Begegnung erkannt und organisieren heute gemeinsame Sportaktivitäten, Weiterbildungskurse, Reisen, Diskussionsrunden, etc. , die von allen gern besucht werden.

Gab es bei all diesen positiven Entwicklungen auch Kritik?

Teilweise schon. Der Stadt wurde Anfang 2020 ein Zwang zur Gemeinschaft unterstellt und einige Menschen hatten auch Angst zu viel von sich preisgeben zu müssen. Vor allem im Zusammenhang mit dem Einsatz neuer Informations- und Kommunikationstechnologien zum Beispiel für den elektronischen Kontakt mit Trainingsgruppen, gab es eine tiefgreifende Diskussion über reale und gefühlte Überwachung und den damit empfundenen Verlust von Freiheit. Es gab auch die Befürchtung, dass von oben aufgestülpte Angebote von Begegnung und Bewegung an den Menschen vorbei gingen und diejenigen ausschließen könnten, die mit den technischen Veränderungen nicht mehr mitkommen können oder wollen.

Wie sind sie mit diesen Kritikpunkten umgegangen?

Die Dialogkultur zwischen Fachleuten und BürgerInnen, die in Wien seit Beginn des 21. Jahrhunderts entwickelt wurde, war hier ein Schlüssel zum Erfolg. Erstens wurden Fachleute auf die Bedürfnisse und Bedenken der Bevölkerung aufmerksam und konnten sie so rechtzeitig in Forschung und Entwicklung integrieren. Zweitens wurden die BürgerInnen über neue Entwicklungen und ihre Chancen und Grenzen informiert und konnten so leichter mit der Entwicklung mithalten. Private Unternehmen müssen heute genauso, wie öffentliche Einrichtungen ethische, soziale und kulturelle Anforderungen an die Kommunikation zwischen Menschen aus unterschiedlichen Gruppen in der Gesellschaft ernst nehmen. Auch bei der Anwendung neuer technischer Hilfsmittel gibt es zusätzlich zur Information praktische Unterstützung. Die Stadt beschäftigt heute TechnikerInnen, die technische Probleme in Wohnhäusern kostenlos beheben können, falls die BewohnerInnen sich nicht selbst darum kümmern können.

Alle sozialen und technischen Angebote im öffentlichen Raum waren und sind aber immer freiwillig, auch wenn die Stadt positive Anreize schaffte, um deren Nutzung zu fördern. Es geht dabei immer um die Überwindung ungewollter Isolation. Private Rückzugsräume werden natürlich respektiert.