Dialog der Generationen schafft Wissen

Das Programm „Lernen durch Begegnung“, wurde 2020 entwickelt, um den Austausch von Wissen und Erfahrungen zwischen den Generationen zu fördern. In dieser Vision werden stadtweite Begegnungsstätten geschaffen, in denen alle Generationen zusammenkommen. Lernen findet selbstbestimmt statt.

Interview im Jahr 2050 mit der Leiterin der Organisation Wien-Wissen.

Wie funktioniert das Lernprogramm „lernen durch Begegnung“ und was macht es so besonders?

Die Begegnung der Generationen spielt eine zentrale Rolle beim Austausch von Wissen. Alle Menschen können heute ihre Erfahrungen weitergeben, voneinander lernen und das auf verschiedenen Ebenen. Das Alter spielt dabei keine Rolle. Wir bekommen Unterstützung vom Wiener Tätigkeitsmarkt und von Wien-Miteinander, um unsere Angebote an die Nachfrage anzupassen. In unserem Programm werden die Lernvorgänge für jede Person individuell maßgeschneidert.

Um welche Werte handelte es sich?

Zum Beispiel den Wert von Freiwilligenarbeit, wie die Pflege von Angehörigen, soziales Engagement, etc. All diese sinnvolle, notwendige, aber unbezahlte Tätigkeiten für die Gesellschaft sollten einen höheren Stellenwert bekommen. Für die Gesellschaft als Ganzes bedeutete das zunächst einmal, über eine umfassende Integration und Inklusion nachzudenken und Eigenständigkeit und Authentizität des Menschen in den Vordergrund zu stellen. Nachdem Arbeit neu bewertet wurde, sprechen wir heute nicht mehr vom Arbeitsmarkt, sondern von einem Tätigkeitsmarkt, an dem alle teilhaben können. Außerdem mussten wir mehr über die Bedürfnisse verschiedener Gruppen erfahren. Die Gesellschaft musste sich dann im Dialog darüber einigen, welche Bedürfnisse durch eine Grundsicherung erfüllt werden sollen und können.

Und das Alter spielt wirklich keine Rolle?

Wir haben uns 2020 bei der Gründung von Wien-Wissen im Rahmen des Kompetenzzentrums für Lebensqualität zum Ziel gesetzt, mit Hilfe unserer Erfahrungen aus vielen Pilotprojekten eine Lern-kultur zu etablieren, bei der sich alle Generationen austauschen können. Zu Beginn des 21. Jahrhundert waren die Rollen beim Lehren und Lernen noch klar verteilt: Ältere haben jüngere gelehrt. Nur bei wenigen Wissensfeldern, wie zum Beispiel neuer Technik war das anders. Heute im Jahr 2050 leben wir ohne diese Stereotypen. Natürlich gibt es immer noch altersabhängige Erfahrung aber im Allgemeinen geht heute der Wissensfluss in beide Richtungen.

Sie werben damit, dass Ihre Lernangebote die Menschen zum Lernen motivieren. Hat sich dadurch auch die Rolle der Lehrerinnen und Lehrer verändert?

Modular aufgebaute Lerneinheiten mit aktuellen Themen erleichtern den Zugang zum Lernstoff. Ereignisse in der lokalen und internationalen Wirtschaft, Politik, Kunst, etc. bieten eine gute Möglichkeit zur Durchmischung verschiedener Generationen im Lernprozess. Die Freude am Lernen steigt, wenn klare und erreichbare Lernziele für Jeden definiert und an vorhandene Fähigkeiten angepasst werden. Unterricht findet mit Hilfe von Teams von Lehrenden statt, die nicht nur sinnvoll Wissen vermitteln, sondern auch in einigen Phasen als LerntrainerInnen die Lernenden begleiten. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Menschen am besten lernen, wenn sie die Erfahrungen und Kompetenzen des Gegenübers respektieren, wertschätzen und Freude am Lernen haben.

Das klingt sehr aufwendig …

Natürlich wurden durch jahrelange Forschung Methoden entwickelt, die Lehrerinnen und Lehrern helfen, sich in die Lage der unterschiedlich alten Lernenden zu versetzen und die passende Lernumgebung anzubieten Außerdem gibt es viele technische Hilfsmittel. In Wien war schon sehr viel Wissen und Erfahrung über die Kooperation zwischen Schulen, Universitäten, Forschungseinrichtungen und Unternehmen vorhanden. Es gab aber bis 2020 keine flächendeckende Struktur, die einen nachhaltigen Austausch von Wissen und Erfahrungen zwischen und innerhalb der Generationen erlaubte und förderte.

Ein wichtiger Teil des Programmes war, die vorhandenen Angebote zu vernetzen und für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen. „Lernen durch Begegnung“ ist seitdem stark gewachsen und so fester Bestandteil der Stadt geworden. Heute sichert das Programm den Wissensschatz Wiens nachhaltig.

Die Finanzierung einer solchen Initiative war sicher nicht leicht. Wurde „Lernen durch Begegnung“ von der Stadt Wien gefördert?

Fachübergreifendes Lernen zwischen verschiedenen Berufen und Generationen wird in Wien seit Jahrzehnten gezielt gefördert. Gerade anfangs, so um 2020 herum, bemühte sich die Stadt sehr, die notwendige Infrastruktur für unser Programm zu schaffen. Bis heute beschäftigen wir zum Beispiel viele Zivildienerinnen und –diener aber auch sehr viele Freiwillige und Ehrenamtliche. Außerdem werden unsere Inhalte und Methoden durch die Stadt laufend begutachtet, um deren Qualität zu verbessern.

Wie sieht diese Infrastruktur konkret aus?

Als erstes brauchten wir natürlich Räume, in denen Begegnung stattfinden konnte. Dazu wurden damals lokale Kindergärten, Schulen, Universitäten, Forschungseinrichtungen und Volkshochschulen etc. vernetzt. Bald waren aber auch bereits generationsübergreifende Wohnmodelle weitverbreitet, in deren Gemeinschafträumen viele unserer Angebote heute Platz finden.

Außerdem mussten wir eine Organisation aufbauen, die Treffen und vor allem das individuelle „Voneinander Lernen“ förderte. Neben diesen persönlichen und physischen Treffen waren auch virtuelle Begegnungsräume von Anfang sehr beliebt.

Das wichtigste war aber, dass in Wien ein wirkliches Umdenken stattfand. Der gegenseitige Austausch von Wissen wurde immer mehr als gesellschaftlich und persönlich wertvolle „Tätigkeit“ wahrgenommen und auch dementsprechend wertgeschätzt. Der Begriff „Arbeit“ wurde von dem umfassenderen Begriff der „Tätigkeit“ ersetzt, um den Austausch aller gesellschaftlichen Leistungen sichtbarer zu machen. Diese Betrachtung des vielfältigeren „Tätigkeitsmarktes“ hat dazu beigetragen, vielen (auch älteren) Menschen neue Perspektiven zu eröffnen. Wir haben so heute viel mehr Lehrende und Lernende jeden Alters.

Es gibt heute viel mehr Tätigkeitsmodelle für ältere Menschen kurz vor oder nach der Pension. Welche Rolle spielen Unternehmen dabei?

Viele Wiener Unternehmen waren um 2020 schon Vorreiter auf diesem Gebiet. Es wurde bewusst ein Umfeld geschaffen, indem generationenübergreifendes Arbeiten schnell als normal empfunden wurde. Dadurch wurden viele Vorurteile abgebaut und gegenseitige Toleranz und Respekt zwischen den Generationen gefördert. Dieses Arbeitsumfeld hat viele gute Auswirkungen auf die Arbeitsplatzqualität und die Zufriedenheit der Angestellten, was natürlich auch zu besseren Ergebnissen führt.

Noch bis 2020 war Vereinsamung im Alter ein großes Problem. Wien begegnete dem mit einer breiten Palette von Angeboten. Wer profitiert vom Programm, nur ältere Menschen?

„Lernen durch Begegnung“ bringt einen stärkeren sozialen Zusammenhalt und will sozialer Vereinsamung vorbeugen. Insgesamt fühlen sich mehr Menschen integriert und ihre Fähigkeiten werden wertgeschätzt. Das motiviert. Ältere Menschen sind heute viel stärker am gesellschaftlichen Leben beteiligt. Aber auch junge Menschen fühlen sich bestätigt, wenn auch sie als Lehrende ernst genommen werden. WienerInnen mit Migrationshintergrund meldeten ebenfalls positives Feedback zum Programm. Wir wissen, dass die Lebensfreude durch Erfolgserlebnisse im Alltag steigt. In unseren Gruppen beobachten wir auch immer wieder, wie gegenseitige Unterstützung zu einer starken Motivierung der Menschen in jedem Alter führt, die Herausforderungen des Alltags zu bewältigen.

Wir vernetzen gezielt auch Menschen aus unterschiedlichen Altersgruppen, so werden Familien und Alleinerziehende entlastet. Das ist nur ein Beispiel unserer selbstorganisierten Alltagshilfen.

In unseren (virtuellen und realen) Lernräumen finden viel Diskussion über Geschichte und gesellschaftliche Werte statt, das hilft allen Generationen sich der eigenen Identität bewusster zu werden.

Wir sehen auch, dass durch unseres Programm Missverständnisse und Aggressionen zwischen den Generationen abnehmen, Armut rechtzeitig erkannt und bekämpft wird und dadurch alle gesellschaftlichen Gruppen von sozialem Frieden profitieren. Schlussendlich entlastet unsere Tätigkeit den Staat, da sich viele soziale Problemstellungen einfacher und kosten schonender lösen lassen oder gar nicht erst entstehen.