Mitreden bei Politik und Forschung

Wie wollen wir in Zukunft im Alter leben?
Welche Unterstützung brauchen wir zu Hause?
Wie soll unser Umfeld aussehen?

Die Zukunft immer im Blick

Wien lebt nicht nur im Hier und Jetzt, sondern denkt in größeren Zeitabständen. Kreative Lösungen und umfassende soziale, ökonomische und ökologische Qualitätsstandards sichern den hohen Lebensstandard für das Wien von heute und das von morgen.

Wien erklärte sich 2020 zu einer Stadt für „Zukunftsvorsorge“. Was wurde in den letzten 30 Jahren erreicht?

Wien hat zur Zukunftssicherung die Balance zwischen der Weiterentwicklung des Altbestandes und dem kontrollierten Aufbau neuer Stadtregionen gefunden. Sowohl die öffentlich finanzierten als auch privaten Wohnbauten sind durch moderne Infrastruktur gut vernetzt. Neue Wohnmodelle wurden in den letzten 30 Jahren mit Blick auf die Zukunft geplant und in Pilotprojekten erprobt.

Wir genießen heute in unserer Stadt und der Umgebung ein harmonisches Miteinander der Generationen und Kulturen. Aufgeschlossenheit und Offenheit für unsere Mitmenschen und deren Bedürfnisse war immer ein Thema in Wien, doch jetzt sehen wir, wie das gelebt werden kann. Zum Beispiel ist heute das Wohnen in vertrautem Umfeld bis ins hohe Alter möglich. Die Betreuung pflegebedürftiger Mitmenschen, wird organisiert und ist für alle leistbar.

Wien hat ja bereits Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Gemeindebau weltweite Standards für leistbares Wohnen gesetzt. Heute gibt es zahlreiche Mehrgenerationen-Wohnprojekte, in denen Gemeinsamkeit und Kommunikation selbstverständlich sind. Was ist daran neu?

Solche Projekte wurden zwar punktuell schon zu Beginn des 21. Jahrhunderts durchgeführt, aber die Mietkosten waren vielen BürgerInnen zu hoch. Auch die Technik hat sich weiter entwickelt. Anfangs wurden Wohn- und Arbeitsräume in Passivhaustechnologie gebaut und Zentralheizung und -kühlung waren der Standard. Heute ist nachhaltiges Bauen bzw. Umbauen mit umweltfreundlichen Materialien möglich. Bei der Planung bestimmen die BewohnerInnen immer aktiv mit.

Wir achten darauf, dass es genügend private Rückzugsbereiche gibt und dass die Wohneinheiten jederzeit ohne großen Aufwand den individuellen Bedürfnissen angepasst werden können.

Sie sprechen von Region statt Stadt. Wien hat sich immer mehr mit dem Umland verbunden. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Die Stadt konnte sich nur zusammen mit ihrer Umgebung weiterentwickeln, um zukunftsfähig zu bleiben. Der öffentliche Nahverkehr wurde dicht mit vielen anderen Transportformen, wie Car-Sharing und Leihrädern vernetzt und verbindet heute Stadt und Land nicht nur lückenlos, sondern auch rund um die Uhr. Das hat nicht nur für PendlerInnen vieles erleichtert, auch die StädterInnen profitieren davon. Die umliegende Natur ist für alle Interessierten kostengünstig und schnell erreichbar. Es gibt heute auch viele Kooperationen, um zum Beispiel Sportanlagen, kulturelle Einrichtungen oder naturnahe Gärten in der Region gemeinsam zu nutzen.

Kinder haben in den letzten 30 Jahren von klein auf in einer Umgebung gelebt, in der auf eigenständiges Denken, Kreativität und Gesundheit großen Wert gelegt wird. Wie haben Unternehmen auf dieses veränderte KonsumentInnen- und MitarbeiterInnenprofil reagiert?

Wirtschaftskammer und junge Wirtschaft haben durch Schulungen eine Bewusstseinsbildung in Unternehmen angeregt. Nun wird auf die Zukunftschancen und Interessen der ArbeitsnehmerInnen mehr Rücksicht genommen. Arbeit kann jetzt Freude bereiten. Work-Life-Balance und individuelle Zeit- und Raumgestaltung haben sich als Kriterium bei der Auswahl des Arbeitsplatzes durchgesetzt. Viele Unternehmen mussten umstrukturieren. Corporate Social Responsibility (CSR) ist längst kein Modewort mehr sondern wird sehr ernst genommen.

Im Dienstleistungsbereich waren viele neue Ideen erfolgreich, aber auch im Nahrungsmittelbereich hat sich einiges zum Guten verändert. Eine Reihe von neuen Unternehmen hat sich erfolgreich mit gesundem Essen und umweltfreundlichen Ressourcen auseinandergesetzt. Der flächendeckende Verzicht auf Chemikalien, Genmanipulation und Massentierhaltung in der Landwirtschaft wurde vereinbart und umgesetzt. Außerdem hat die erhöhte Nachfrage nach saisonalen Bio-Produkten aus der Region zu verkürzten Transportwegen und dadurch zu einem geringeren Verkehrsaufkommen über weite Strecken geführt. Es besteht zwar noch viel Verbesserungspotential in der Wirtschaft, die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und unserem Kompetenzzentrum hat mittlerweile eine gute Tradition.

Es hat wahrscheinlich auch GegnerInnen dieser Entwicklung gegeben?

Teilweise schon. Manche haben vermutet, dass sich die konventionelle Lebensmittel- und Pharmaindustrie gegen diese Strategien wehren oder LobbyistInnen und Großkonzerne Gegenkampagnen führen würden. Auch die Umstellung des Konsumverhaltens und der Gewohnheiten wurde als schwierig eingeschätzt.

Doch alles ist anders gekommen. Die Generation, die seit 2020 Schlüsselentscheidungen getroffen hat, hat die problematische Seite der Konsumgesellschaft kennen gelernt und sich deswegen intensiv mit nachhaltiger Entwicklung auseinandergesetzt. Dank eines inklusiven Bildungsansatzes und der Bemühungen von Pionierunternehmen zu Beginn des Jahrhunderts war diese Generation bereit, Dialoge über Vor- und Nachteile verschiedener Pläne zu führen, um so gemeinsam Lösungen für strukturelle und langfristige Veränderungen zu finden.

Wie hat die Stadt verhindert, dass Menschen durch die notwendigen Umstrukturierungen ihre Arbeit verlieren?

Die Stadt hat die BewohnerInnen der Region in der Umstrukturierung der Wirtschaft einbezogen. Für alle stand nachhaltiges Entwickeln und Wertschätzen vorhandener Ressourcen im Vordergrund. Zuerst hat eine Diskussion über den Nutzen neuer Strategien stattgefunden. Danach wurden in den Umstrukturierungsplänen gleichzeitig Berufsgruppen und AkteurInnen berücksichtigt, die durch eine Umstellung in der Gesellschaft massiv betroffen sein würden. Zum Beispiel wurde das Personal von Pflegeheime rechtzeitig umgeschult und auf neue integrative Formen der Betreuung älterer Menschen vorbereitet.

Besonders wichtig war überregionale Entwicklungszusammenarbeit im öffentlichen Verkehr sowie im Sozial- und Gesundheitsbereich. Außerdem haben wir viel durch ein länderübergreifendes Lernnetzwerk nachhaltiger Städte gelernt. Die Stadt hat in der multikulturellen Bevölkerung eine Chance gesehen, Verbindungen mit anderen Städten in der Welt zu intensivieren. Dadurch wurden viele positive Impulse zur Erhöhung der Lebensqualität gesetzt.

Auch das nachhaltige Produzieren von Waren und Produkten führte dazu, dass insbesondere im Handwerksbereich wertvolle Arbeitsplätze geschaffen und bestehende gesichert wurden. Das Wien-Handwerkszentrum hat mit uns eine Zukunftsstrategie für das Handwerk in der Stadt entwickelt.

Welche Rolle spielten Wissenschaft und Forschung bei diesen Entwicklungen?

Wissenschaft und Forschung haben sowohl auf thematischer als auch auf methodischer Ebene viel geleistet: transdisziplinäre Forschung erleichterte partizipative Entwicklung von neuen Wohnmodellen und Einbeziehung der Interessen verschiedenen Generationen in der Planung, Umsetzung der Pläne und Evaluierung für den Lernprozess.

Durch die aktive Zusammenarbeit von Universitäten und Forschungseinrichtungen und durch interdisziplinäre gesellschaftsrelevante Forschungsergebnisse war es möglich, dass die BürgerInnen über Wohnmodelle diskutieren konnten, während sie gleichzeitig und gut informiert die Wohnumfeldmodelle, die den geänderten sozialen Bedürfnissen gerecht werden, mitadressierten. Es wurden Strategien für kooperative Wohnformen, Altwerden im Grätzl mit guter Versorgung, konsumfreie Begegnungszonen und die ökologischen Erfordernisse besprochen. Dementsprechend wurden in diesem Zusammenhang von der Politik Ressourceneffizienz, IKT unterstützte „intelligente Wohnsysteme“ etc. gefördert.