Mitreden bei Politik und Forschung

Wie wollen wir in Zukunft im Alter leben?
Welche Unterstützung brauchen wir zu Hause?
Wie soll unser Umfeld aussehen?

Inkludiert und integriert: Kooperation auf allen Ebenen

Im Jahr 2050 stehen die Bedürfnisse der Menschen und die Wertschätzung ihrer persönlichen Kompetenzen im Mittelpunkt. Konstruktives Zusammenleben bedeutet, dass jedeR seine Stärken, unabhängig von Alter, Herkunft, Muttersprache oder besonderen Bedürfnissen in der Gesellschaft einbringt. Zuwanderung wird zum Beispiel nicht nur als Notwendigkeit, sondern als wirkliche Bereicherung begriffen. Begegnungsräume und Lernprogramme erleichtern die Integration und Inklusion neuer und alter WienerInnen jeden Alters. Davon profitieren alle Seiten.

Sie stellten 2013 fest, dass die Stadt für eine gelungene Einbeziehung eine Reihe von Maßnahmen entwickeln und umsetzen muss. 2020 startete dann die Umsetzungphase. Können Sie uns die Eckpunkte dieser Programme erklären?

Wir haben zwei Entwicklungsphasen für eine nachhaltige Integration und Inklusion hinter uns. 2013 haben wir die notwendigen Rahmenbedingungen für ein konstruktives Zusammenleben in der Stadt definiert, die bis 2020 erfüllt werden sollten. Zentral war für uns die allgemeine gesellschaftliche Bekenntnis zur Demokratie und der Menschenrechtscharta der UNO. Bis 2050 wurde eine Reihe von Maßnahmen entwickelt, um Integration auf mehreren Ebenen wirkungsvoll zu fördern. Früher ging es in der Diskussion um Integration immer um MigrantInnen. Heute wird das Thema viel breiter gesehen. Umfassende Integration und Inklusion bedeutet, dass allen BewohnerInnen ermöglicht wird persönliche Stärken zu nutzen, um sich unabhängig von Alter, Herkunft, Muttersprache oder besonderen Bedürfnissen konstruktiv einzubringen. Wien bietet hier viel Infrastruktur um das zu unterstützen.

Was war das Hauptziel Ihres Programms?

Friedvolles und produktives Miteinander in der Stadt, in allen Regionen Österreichs und in Europa. Das betraf sowohl Menschen mit anderen Muttersprachen, als auch aus anderen Generationen.

2013 wurde der Wunsch so formuliert: „Es besteht ein ausgewogenes Verhältnis von Tradition und Neuem beziehungsweise Anderem. Jeder und jede muss sich nach Kräften positiv in die Gesellschaft einbringen.“ In unserem Programm stehen die Bedürfnisse der Menschen und die Wertschätzung ihrer persönlichen Kompetenzen im Mittelpunkt.

Es gab auch Maßnahmen, die sozialpolitisch gesehen umstritten waren, wie ausreichende Deutschkenntnisse als Voraussetzung für den Besuch öffentlicher Bildungseinrichtungen. Wäre es nicht die Aufgabe des öffentlich finanzierten Bildungssystems, die Sprachkenntnisse der Kinder und Jugendlichen zu fördern?

Anfang des 21. Jahrhunderts war das Bildungssystem einer Umstrukturierung unterworfen und verschiedene Szenarien wurden besprochen und ausprobiert. Die Sprachkenntnisse standen damals im Mittelpunkt der Diskussion, obwohl internationale Studien und Erfahrungen gezeigt haben, dass Kinder und Jugendliche durch viele andere Faktoren schneller die Sprache des Landes erlernen, als durch isolierten Sprachunterricht. Zum Beispiel durch positive Erfahrungen in der Schule, wie die Unterstützung durch spezielle Hilfssprogramme, Anerkennung ihrer Gesamtleistungen in nichtverbalen Fächern, wie Zeichnen, Werken und Sport.

Es gab auch eine Diskussion über die Abgeltung des Studiums für ImmigrantInnen. Diese Diskussion war wichtig, da Ausbildung damals ein häufiger Grund für Immigration war und Universitäten noch mit verschiedenen Finanzierungsmodellen experimentiert haben. Außerdem sind viele hochqualifizierte ArbeitnehmerInnen eingewandert, deren Ausbildung anerkannt werden musste. Außerdem mussten auch Lösungen für ältere Menschen gefunden werden, die früher sehr oft außerhalb des Bildungssystems gestanden haben. Durch den neuen Wiener Tätigkeitsmarkt und unsere vielsprachige Gesellschaft war es ohne Androhung von Sanktionen möglich, auch solche BürgerInnen zu integrieren.

Viele Ausbildungseinrichtungen haben in den letzten Jahrzehnten ihre lokalen und nationalen Netzwerke mit der Gesellschaft und der Wirtschaft gestärkt. Welche Auswirkungen hatte das?

Je besser Forschung, Bildung und Gesellschaft auf Stadtebene miteinander kooperierten, umso reibungsloser konnten sich ImmigrantInnen sowie ÖsterreicherInnen gleichermaßen einander annähern. Durch diese starken Netzwerke konnten auch gesellschaftliche Probleme länderübergreifend behandelt werden. Für die Studierenden, SchülerInnen und Auszubildenden wurden viele neue Lernprojekte geschaffen, die international betreut wurden. Zum Beispiel Auslandausbildungen, Studium in internationalen Teams im Inland oder virtuelle Auslandssemester, etc.

Bis 2020 gab es viele Pilotversuche, um Kompetenzen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und die Bedürfnisse der Stadt auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Was ist nach2020 passiert?

2020 wurde entschieden, im Umgang mit Menschen aus anderen kulturellen Gruppen, Generationen oder Menschen mit besonderen Bedürfnissen eine partizipative Mitbestimmung der jeweils Beteiligten auf lokaler Ebene mit bestimmten Budgetanteilen zu unterstützen. Außerdem wurde in Wien entschieden, 10% des Kulturbudgets für interkulturelle Projekte auf lokaler Ebene zu nutzen. Verständnis von und Umgang mit Themen wie Geburt, Krankheit, Alter und Tod sind abhängig von kultureller Herkunft oder Generation und können somit sehr unterschiedlich sein. Zu diesen Themen wurden zahlreiche Projekte gefördert, deren Ergebnisse viele neue individuelle Lösungen in der Alltags- und Arbeitswelt ermöglicht haben.

Zusätzlich wurden niederschwellige, öffentliche Begegnungsstätten ausgebaut, damit Menschen ohne Kommunikationszwang über ihre Bedürfnisse sprechen und gemeinsam Lösungswege diskutieren können. Auf lokaler Ebene war es möglich, schneller Vertrauen zu schaffen, sich selbst organisierende Alltagshilfen zu fördern, Wissensvermittlung zwischen den kulturellen Gruppen und Generationen zu ermöglichen und neue unterstützende Informations- und Kommunikationstechnologien während der Entwicklung und im Einsatz zu optimieren.

Hier haben wir eng mit dem Wiener Tätigkeitsmarkt zusammen gearbeitet. Ältere Menschen werden zum Beispiel nicht nur professionell betreut, sondern auch von NachbarInnen versorgt. Dass jemand, wie es früher tatsächlich vorkam, tagelang ohne Hilfe in seiner Wohnung liegt, gehört heute tatsächlich der Vergangenheit an. Es wurde vor allem gegenseitiges Verständnis gefördert, sodass gesellschaftliche Spannungen abgenommen haben.

Konnten Sie auch die Unternehmen für ihr Programm gewinnen?

Ja, aber außer einiger Vorreiter, die sich für die Integration von ImmigrantInnen und älteren Menschen in ihrem Unternehmen eingesetzt haben, haben Unternehmen in der ersten Phase viel Nachholbedarf zur Verbesserung der Qualität der Arbeitsbedingungen und Verringerung der arbeitsbedingten Krankheiten gehabt.

Wie sind sie damit umgegangen?

Nachdem sich die Bildungspolitik und das Bildungssystem der Integration verschiedener Generationen und gesellschaftlicher Gruppen angenommen haben, konnten viele Bürgerinitiativen zur Integration auf lokaler Ebene mit erfolgreichen Pilotprojekten flächendeckend umgesetzt werden. Es wurde eine neue Generation kritisch denkender und selbstbewusster ArbeitnehmerInnen gebildet, die eine Mitbestimmung der Arbeitsqualität im Unternehmen verlangte. Eine neue Managementkultur mit partizipativen Methoden wurde eingesetzt und Unternehmen erkannten, dass sie von Diversität profitieren. So wurden soziale, und technische Erneuerungen für die Verbesserung der rechtlichen Rahmenbedingungen und Arbeitsqualität gefördert. Dadurch wurde die Integration der Menschen mit besonderen Bedürfnissen ebenfalls erleichtert.