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Die Stadt der Sprachen neu entdecken

Mehrsprachigkeit ermöglicht ein offenes Miteinander in der Stadt. Gemeinsame Bildung überwindet Sprachgrenzen und bringt die Generationen näher zueinander. Gezielte Stadtplanung bewirkt die Durchmischung der Bezirke.

2030 wurde Wien zur vielsprachigsten Stadt Europas gewählt. Das heißt nicht nur, dass viele Sprachen gesprochen werden, sondern auch, dass die meisten WienerInnen mehrere Sprachen verstehen und sprechen. Warum wird der Sprachenförderung in Wien ein so hoher Wert einberaumt?

Die Mehrsprachigkeit in der Wiener Gesellschaft ist kein junges Phänomen, sondern seit Jahrhunderten historisch gewachsen. Das Verstehen und Sprechen mehrerer Sprachen hat viele Vorteile. Ein offenes Miteinander wird möglich und das Wir-Gefühl gestärkt. Kinder und Jugendliche lernen in vielsprachigen Kindergärten und Schulen schon früh Toleranz im Umgang miteinander und Integration wird erleichtert.

Erreicht ihr Konzept auch ältere SeniorInnen?

Ja. Geradehaben ältere Menschen in Wien haben ein hohes Interesse daran, viele neue Sprachen zu lernen. Das Sprachangebot der Stadt Wien macht Spaß, hält aktiv und viele SeniorInnen geben auch gerne ihre eigenen Sprachkenntnisse weiter. Querschnittsthemen wie Geburt, Krankheit, Alter oder Tod werden heute in Wien zwischen verschiedenen Kulturen ohne Befangenheit offen diskutiert und eignen sich gut als gemeinsame Basis für den gegenseitigen Austausch.

Durch welche Maßnahmen hat Wien die heutige Sprachenvielfalt weiter gefördert?

Das Sprachprogramm der Stadt hat zwei übergeordnete Ziele. Einerseits wurden für alle viele neue Möglichkeiten geschaffen, sich für die Gesellschaft zu betätigen und ihre Sprachkenntnisse weiterzugeben. Das entspricht der Wiener Innovation des Tätigkeitsmarktes, an dem alle teilhaben können.

Andererseits soll das Zusammenleben vereinfacht werden. Bereits im Jahr 2014 waren viele Lösungen in Ansätzen vorhanden, aber es hat noch einige Jahre gedauert bis wir sagen konnten, dass alles flächendeckend umgesetzt wurde.

Heute, 2050, sehen wir die Erfolge unserer Arbeit. Wohnprojekte, die Kulturen, Generationen und Menschen mit unterschiedlichen wirtschaftlichen Einkommen vereinen, wurden gefördert und durch gezielte Stadtplanung sind alle Bezirke gut durchmischt. Ohne Mehrsprachigkeit wäre dies alles nicht durchsetzbar gewesen. Öffentliche Begegnungsräume, in denen interkultureller Austausch stattfindet, wie zum Beispiel „lebende Bibliotheken“, wurden ausgebaut und neu geschaffen.

Gibt es noch weitere Beispiele aus der Praxis, wie die Wiener Sprachenvielfalt gelebt wird?

Die kostenlosen Sprachkurse der Stadt, von denen viele auch sehr informell und individuell angepasst stattfinden, sind konstant sehr gut besucht. Auch die Sprachkurse und das „Straßenwienerisch-Diplom“ sind für ImmigrantInnen sehr beliebt, weil es neuen WienerInnen das Verstehen der Wiener Kultur erleichtert. Touristenführungen werden heute in 102 Sprachen angeboten. Virtuelle und technikunterstützte Führungen gibt es in allen Sprachen. Der öffentliche Zugang zu internationalen und vielsprachigen Bildungseinrichtungen und die weite Verbreitung von untertitelten Medien in Originalsprache sind andere Beispiele. Auch Sprachreisen und Auslandspraktika werden gefördert und sind heute nicht zuletzt wegen der geringen Kosten sehr weit verbreitet.

Hat die Stadt das alles allein getragen?

Das Integrations- und Bildungsbudget der Stadt förderte direkt Maßnahmen zur Vielsprachigkeit. Daneben bestehen auch umfangreiche private Initiativen. Um unabhängig von Herkunft und Sprache gleiche Berufschancen zu gewährleisten, gab es bis 2030 Beschäftigungsquoten für die Integration der Deutsch lernenden ArbeitsnehmerInnen, für deren Erreichen Unternehmen steuerlich begünstigt wurden. Heute ist das nicht mehr notwendig, weil Unternehmen schnell erkannt haben, welches Potential in hoher Diversität und persönlicher Kompetenz steckt. Die Wiener Wirtschaft sorgt heute sehr gut für die umfangreiche Integration neuer MitarbeiterInnen mit verschiedenen Sprachen. Sehr viele Menschen, vor allem auch Ältere, arbeiten freiwillig und ehrenamtlich in den von der Stadt geschaffenen Begegnungsräumen. Diese ehrenamtliche Arbeit ist nach den Gesetzen des Wiener Tätigkeitsmarktes seit 2020 auch sehr gut rechtlich und versicherungstechnisch abgesichert.