Mitreden bei Politik und Forschung

Wie wollen wir in Zukunft im Alter leben?
Welche Unterstützung brauchen wir zu Hause?
Wie soll unser Umfeld aussehen?

Freies Denken, grenzenlose Stadt

Im Jahr 2050 bedeutet Barrierefreiheit, dass nicht nur Mobilitätshindernisse sondern auch Kommunikationsschranken abgebaut sind. Die Lebensfreude in der Stadt ist gestiegen, da das Miteinander durch kürzere Wege, mehr öffentliche Verbindungen und gegenseitige Unterstützung im generationsübergreifenden Leben erleichtert wurde.

2013 gründeten Sie Ihre Initiative. Damals hieß sie noch „Mobilität, barrierefreie Bewegung auf allen Ebenen“. Was wollten Sie in Wien damit erreichen?

Neben den vielen Hindernissen im Wohnumfeld und der Stadt gab es damals auch Kommunikationsschranken zwischen den Generationen und Hürden, die das Erhalten von geistiger Flexibilität bis ins hohe Alter massiv erschwerten. Unser Ziel war es, diese Hindernisse auf allen Ebenen und für alle Generationen abzubauen. Barrierefreiheit sollte sich dabei nicht nur auf Mobilität, also die körperliche Bewegung von A nach B beziehen. Geistige Flexibilität und die kommunikative Anbindung an die Gesellschaft sind für uns genauso wichtige Kernpunkte für eine umfassende Barrierefreiheit. Generell wollen wir soziales, generationsübergreifendes Miteinander fördern. Hier arbeiten wir auch eng mit dem Programm „Lernen durch Begegnung“ von Wien-Wissen und dem Aktionsplan „Generationen in Bewegung “ von Wien-Miteinander zusammen.

Neue Kommunikationstechnologie und soziale Netze haben definitiv Schranken überwunden, und dazu beigetragen, soziale Isolation zu vermindern. Neue Technologie ermöglicht Barrierefreiheit, aber kann sie auch Immobilität verursachen?

Ja, gerade anfangs, um 2020 herum, merkten wir, dass Technik Mobilität sehr wohl auch einschränken kann. Zum Beispiel wenn Menschen freiwillig zu lang allein zu Hause bleiben und sich hauptsächlich mit elektronischen Medien beschäftigen. Es ist uns deswegen bei allen Technologien, die wir empfehlen sehr wichtig, dass sie persönliche und physische Kontakte nicht zurückdrängen.

Ein Beispiel ist die Nahversorgung. Auch wenn die zwei großen Discounter heute, alles schnell und bequem per Drohne liefern, raten wir älteren Menschen dazu, Teile ihrer Einkäufe immer noch zu Fuß zu erledigen. Das „Einkaufswagerl“ ist so immer noch oft in der Stadt zu sehen, auch wenn es heute nicht mehr auf Rädern gezogen werden muss. Märkte sind dabei heute Gesprächsräume. In den letzen 30 Jahren sind dadurch viele alte Märkte wiederbelebt worden. Die Menschen treffen dort auf lokale ProduzentInnen von Waren des täglichen Bedarfs und kommen ins Gespräch. So fördert Mobilität zwischenmenschliche Kontakte und hält aktiv. Ein anderes Beispiel sind die Förderbänder. Sie werden in großen Wohnanlagen und auf offenen, weiten Plätzen eingesetzt um die „langen Geraden“ zu überbrücken. So können alle die Wege zu Gemeinschaftsräumen, Einkaufsmöglichkeiten oder manchmal nur den zum Recyclingschacht bewältigen.

Viele Menschen sahen ihre Privatsphäre durch umfassende Barrierefreiheit und Einblicke der anderen in ihrem Leben bedroht.

Das stimmt. Die Herausforderung war, selbstgewählte Privatheit und Anonymität zu schützen. Mit anderen Worten: Barrierefreiheit dürfte nicht das Ende der Privatsphäre und selbstbestimmtes Leben bedeuten.
Gleichzeitig wollten wir denjenigen Personen solidarisch zur Seite zu stehen, die neuen Technologien nicht zur Gänze oder Zufriedenheit nutzen konnten und daher früher ausgeschlossen wurden.

Wie sind sie solchen Bedenken begegnet?

Wir mussten lernen, technische und ethische Strategien zu entwickeln, damit einerseits Datenschutz und Schutz der Privatsphäre gewährleistet werden und andererseits eine geschützte und individualisierte Kommunikation mit Märkten, Ämter, etc. möglich ist.

Wien ist heute in ein regionales Netzwerk integriert. Welche Rolle hat Ihre Initiative dabei gespielt?

Wir haben die Idee der grenzenlosen Stadtplanung verfolgt und dafür offene Ohren in der Stadt gefunden. Eine überregionale Entwicklungszusammenarbeit im öffentlichen Verkehr wird heute gewährleistet. So stehen alle Angebote auch über die Stadtgrenzen hinaus barrierefrei zur Verfügung.

Das Mobilitätskonzept der Stadt ermöglicht eine ungehinderte und effiziente Fortbewegung aller BürgerInnen und BesucherInnen. Ein flächendeckendes Netz, „rund um die Uhr“, das für alle leistbar ist und Stadt in ihrer Umgebung einbindet, sorgt für Bewegung und Mobilität aller Generationen. Die Hierarchien im Straßenverkehr wurden überdacht und es wurde zum Beispiel Fußgängern und Radfahrern viel größere Freiheiten eingeräumt.

Wie sieht ihre Zusammenarbeit mit dem Programm „Lernen durch Begegnung “ und dem Aktionsplan „Generationen in Bewegung“ aus?

In gemeinsamen Pilotprojekten wurden Kunst, Kultur, Bewegung und Begegnung verknüpft und Hilfen für die gegenseitige Unterstützung im miteinander Leben aufgebaut. Barrierefreie Nutzung ermöglicht die Integrierung von Menschen in verschiedenen Altersgruppen mit verschiedenen körperlichen Möglichkeiten und Einschränkungen. Bewegungsangebote sind interdisziplinär und multiprofessionell und richten sich auch an Menschen mit eingeschränkter Mobilität und Behinderungen. Durch Initiativen wie „Dialog im Dunkeln“ oder „Rollstuhl für einen Tag“ haben Menschen gelernt, sich in die Lebenssituation anderer Menschen mit eingeschränkter Mobilität hinein zu versetzen und sich gegenseitig zu unterstützen.